Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV im Interview:
Warum ist die Krisenfähigkeit des ambulanten Sektors überhaupt ein Thema?
Wir haben schon in Corona gemerkt, dass im Fall einer nationalen Pandemie, dass es sehr wichtig ist, dass die ambulante Versorgung funktioniert und dass große Herausforderungen auch auf die ambulante Versorgung zukommen in solchen Fällen.
Welche Art von Krisen sollte man da im Blick haben?
Zuallererst natürlich erneut eine Pandemie und ich wage zu prognostizieren, dass wir kaum besser vorbereitet sind als beim letzten Mal. Und daneben sind natürlich nun angesichts der weltpolitischen Lage alle anderen Szenarien auch sehr ernst zu nehmen. Das geht von Sabotage, großflächigen Stromausfällen bis hin zu möglicherweise Grenzkonflikten an den Ostgrenzen der NATO mit Flüchtlingsströmen, entsprechenden Verletztenzahlen bis hin zu einem Krieg.
Welche Rolle spielt die ambulante Versorgung in den Katastrophenplänen der Bundesregierung?
Das muss sich noch zeigen. Klar ist, die ambulante Versorgung versorgt weit über 95 % aller gesundheitlichen Probleme in Deutschland. Und das wird ja auch in einem Krisen- oder Verteidigungsfall so bleiben. Es könnte sogar eher fast mehr werden. Und deshalb ist es sehr wichtig, dass die ambulante Versorgung weiter funktioniert. Und das muss nun auch in Krisenplänen abgebildet werden, um die Resilienz dieses Systems zu stärken.
Braucht man die Ärztinnen und Ärzte im Krisenfall nicht zuallererst im Krankenhaus?
Solche wilden Pläne gibt es immer mal wieder. Wenn man sie aber zu Ende denkt, wird schnell klar, dass natürlich Fachärztinnen und Fachärzte, die bestimmte Dinge können und machen, jetzt nicht als Hilfspersonal und Bettenschieber in die Krankenhäuser können und gleichzeitig natürlich ein niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin oder auch ein niedergelassener Dermatologe nicht plötzlich Schwerstverwundete aus Kriegsszenarien operieren kann. Das haben sie lange nicht mehr gemacht oder noch nie gemacht. Insofern ist es sicher sinnvoller, jeden da einzusetzen, wo er am besten gebraucht wird. Und das sind für ambulante Kolleginnen und Kollegen eben auch die ambulante Versorgung.
Welche Erkenntnisse konnte man aus dem großen Stromausfall in Berlin gewinnen?
Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Praxen davon betroffen sind, in dem Fall weit über 100, die eben tagelang ohne Strom waren. Die zweite Erkenntnis ist: Ohne Strom funktioniert gar nichts mehr. Wir digitalisieren zurzeit komplett alles ohne ein Default-System. Wenn die Digitalisierung ausfällt, wenn also der Strom ausfällt, ist die gesamte Kommunikation weg, sind die Akten weg, ist die Kenntnis über die Patienten weg, funktioniert eRezept nicht, funktioniert die eAU nicht und so weiter. Es funktioniert keine Kommunikation. Die Handys waren aus, die Telefone sind aus. Fax geht nicht mehr. Internet geht nicht in der Region. Es funktioniert kein Wasser mehr. Es hat also noch viel weitreichendere Konsequenzen. Es ist nicht damit getan, dass man Kerzen in die Fenster stellt. Das heißt, es hat erhebliche Konsequenzen auf die Versorgungsleistung und damit auf die unmittelbare medizinische Versorgung der Bevölkerung.
Ist es relevant, dass Praxen in einem solchen Krisenfall offen sind?
Das ist eben die Frage. Wenn Sie an eine Dialysepraxis denken, ist es sehr intuitiv und klar. Natürlich ist das relevant. Das wird bei Laboren sicher auch relevant sein, aber auch bei hausärztlichen Praxen. Letztendlich sind nicht alle, die dort hingehen, schwerstkrank, aber doch eine große Zahl von Patientinnen und Patienten so krank, dass sie ärztliche Versorgung braucht. Und dann vor verschlossenen Türen zu stehen, ist sicher nicht ausreichend und mindestens mittelfristig ausgesprochen gefährlich.
In der Coronazeit gab es Engpässe bei Masken und Desinfektionsmittel. Ist das in Zukunft gesichert?
Da kann man ganz kurz sagen, das ist nicht besser organisiert. Es gibt nach wie vor für solche Ereignisse noch keine klaren Pläne, welches Material in welchem Umfang eingelagert werden muss. Das ist eine politische Entscheidung, denn man kann immer noch mehr einlagern oder weniger. Das BBK ist da dran. Es wird daran gearbeitet. Es werden auch Vorräte angelegt. Aber dass wir so weit sind, dass wir sagen können, wir können durchhaltefähig auch ambulant weiter versorgen, es gibt genug Material, wenn die Versorgungsketten unterbrochen sind, da sind wir noch lange nicht so weit. Und damit hätten wir auch ein weiteres Szenario: unterbrochene Versorgungsketten. Denken Sie an die Straße von Hormus jetzt und die anderen Meerengen in der Region, in der eben erneut Krieg geführt wird. Dann führen auch solche Unterbrechungen natürlich zu Versorgungsproblemen in den Praxen.
Welche Dinge müsste der Gesetzgeber jetzt angehen?
Zum einen ist sicher notwendig, dass wir ein Lagebild erstellen können mit vorhandenen Daten, was wir wahrscheinlich in sehr gutem Maß könnten, mit allen Daten, die es gibt. Diese sind aber in Friedenszeiten mit gutem Grund in sehr unterschiedlicher Hoheit, müssten aber zusammengeführt und dafür genutzt werden können. Dazu muss man zum Beispiel Gesetze ändern. Da muss der Datenschutz an der Stelle angepasst werden oder gesetzliche Grundlagen geschaffen werden. Genauso ist die Kooperation, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen, Kassenärztliche Bundesvereinigung eben in dem Zivil-und Katastrophenschutz auf Augenhöhe mitmachen kann und muss - nicht als Katastrophenschutzbehörde, das sind wir nicht, sondern als diejenigen, die den Sicherstellungsauftrag für die ambulante medizinische Versorgung haben.
Was können und müssen Praxen selbst tun und wie unterstützt das KV-System dabei?
Die KVen sind zurzeit daran, eine Art Vademecum zu erarbeiten für die Praxen, so ähnlich wie die BBK das für die Zivilbevölkerung schon gemacht hat. Was man tun kann, um sicherzustellen, dass die eigene Praxis möglichst lange funktioniert. Und das sind zum Teil relativ banale Dinge, nämlich zum Beispiel darüber nachzudenken: Habe ich eine unterbrechungsfreie Stromversorgung, um zumindest die Systeme herunterfahren zu können? Es geht darum: Habe ich gewisse Vorräte da? Für wie lange würden die reichen? Erreiche ich mein Personal? Ist mein Personal überhaupt in der Lage, zur Arbeit zu kommen, wenn es krisenhafte Unterbrechungen gibt? Also wenn der ÖPNV nicht fährt, wenn die Kitas nicht funktionieren, kommt dann überhaupt noch jemand von meinen Mitarbeitenden zu mir? Und wenn nicht, wie kann ich es organisieren, dass das doch so ist, damit ich weiterarbeiten kann? Und im allerschlimmsten Fall: Was ist, wenn ich nicht weiterarbeiten kann? Wem melde ich das, damit man weiß, diese Kapazität haben wir jetzt dort nicht mehr. Diese chirurgische Praxis ist vom Netz, dieser Orthopäde ist vom Netz, dieser Augenarzt ist vom Netz, weil die Praxis kaputt, Personal nicht da, kein Strom da et cetera. Das muss ja irgendwo alles notiert sein, damit man einen Überblick hat, ein Lagebild hat, um sagen zu können, in der Region haben wir Probleme, in der haben wir keine. In diese Region könnte man Flüchtlinge schicken, dort kriegen wir sie versorgt. In anderen Regionen keine Chance, da ist jetzt schon Land unter. Das zum Beispiel brauchen wir. Dafür braucht es gesetzliche Grundlagen.
Wie kann man sicherstellen, dass man genug Personal hat?
Das ist sicher eine der größten Herausforderungen, da zurzeit Mehrfach-Assignierungen stattfinden. Zurzeit gibt es natürlich Reservisten, die bei der Bundeswehr gezählt werden, Ärztinnen und Ärzte, Rettungsassistenten et cetera, die aber natürlich auch in ihren respektiven Arbeitsplätzen oder in ihren Praxen gezählt werden und jeweils immer nur an einer Stelle sein können. Darüber muss man sich einen Überblick verschaffen, um ein viel realistischeres Bild zu haben: Wer ist eigentlich wann an welcher Stelle? Und hier muss gleichzeitig auch eine Priorisierung festgelegt werden. Wer entscheidet denn, ab wann und nach welchen Kriterien, ob jemand als Praxisinhaber in seiner Praxis bleibt, in ihrer Praxis bleibt oder als Reservist arbeitet oder bei der Feuerwehr, bei den Johannitern mit aushilft et cetera pp. Das sind auch Dinge, die müssen geregelt werden und da brauchen wir ganz dringend einen besseren Überblick, als wir ihn bisher haben.
Sind Sie im Dialog mit den entscheidenden Stellen?
Es wird zurzeit Gott sei Dank viel mit- und untereinander gesprochen. Wir warten auf das Gesundheitssicherstellungs-, Klammer auf, und Vorsorgegesetz, idealerweise, so wird es wohl nicht heißen, was da drinsteht. Und dann müssen wir von dort aus weitersehen, was möglicherweise noch fehlt und woran noch gearbeitet werden muss.